Alles ver-dammt?!

Yvon Chouinard
Mountain 2012

Auf die Frage „Warum seid ihr Grünen immer gegen alles?“ hat der Naturschützer David Brower einst geantwortet: „Wer gegen etwas ist, der ist immer auch für etwas. Wer gegen einen Damm ist, der ist für den Fluss.“

Auch ich liebe naturbelassene Flüsse. Deshalb engagiert sich unsere Firma seit 1993 für den Abbau veralteter Dämme. Wir haben dazu beigetragen, dass 1999 der Edwards Damm am Kennebec River in Maine abgetragen wurde und 2009 der Savage Rapids Damm am Rogue River in Oregon. Derzeit ist der Abriss von drei großen Dämmen am Elwha und White Salmon River in Washington geplant. Die USA haben ein Verzeichnis von über 82.000 Dämmen, doch Forscher vermuten, dass es mindestens 2 Millionen Dämme gibt. Bisher sind wenigstens 836 Dämme abgetragen worden, doch es bleiben26.000, die das U.S. Army Corps of Engineers als „riskant“ einschätzt. Viele davon wurden im Auftrag von örtlichen Bewässerungsbezirken, privaten Stromerzeugern und öffentlichen Behörden errichtet. Wenn sie veralten und zu einem Risiko werden, drücken sich die Besitzer und überlassen die Sanierung dem Steuerzahler.

Als ich 18 war, fuhr ich öfters an den Golf von Kalifornien zum Speerfischen. Gewöhnlich hatte ich innerhalb von 15 oder 20 Minuten einen 30 bis 40 Pfund schweren Zackenbarsch entdeckt. Es wimmelte wie im Fischglas. Heute sind viele Grundfische ganz ausgerottet, Shrimps sind beinahe verschwunden und die Fischer fangen geringwertige Rochen. Das liegt hauptsächlich an der Überfischung und an zerstörerischen Grundschleppnetzen, teilweise aber auch daran, dass der Colorado River heute nicht mehr in den Golf fließt. Der Nahrungskette im Meer fehlen die Nährstoffe, weil er und seine Nebenflüsse durch über 100 Dämme ausgelaugt werden. Das Mittelmeer ist dabei, ein totes Gewässer zu werden, und der Assuan Staudamm gibt ihm den Rest. In China soll ab 2025 kein einziger Fluss mehr ohne Damm ins Meer münden – und das ist schon in 13 Jahren.

Die Schwemmkegel an den Flussmündungen werden oft als die „Zuchtbecken” für die Fischerei bezeichnet, und viele Meeresfische brauchen Brack- oder Süßwasser zum Laichen und zur Aufzucht ihrer Jungen. Vier Dämme, die dringend entfernt werden müssten, um den Bestand wilder Pazifiklachse zu regenerieren, befinden sich am Unterlauf des Snake River, einem Nebenfluss des Columbia. Jeder Fischbiologe, der nicht im Dienst der Bonneville Power Administration steht, bestätigt das. Doch die National Oceanic and Atmospheric Administration sowie örtliche Verwaltungen und die Regierung des Staates haben nicht den Mut, daraus die Konsequenz zu ziehen. Der amerikanische Steuerzahler muss Milliarden aufbringen, um eine verfehlte Politik zu finanzieren. Dabei bräuchte Präsident Obama nur wirtschaftliches Einmaleins und wissenschaftliche Beweise zu addieren, um Anweisung zum Abbau der Dämme zu geben.

Will man, dass der wilde Atlantiklachs in die USA zurückkehrt, so muss man dazu zwei der drei Dämme am Penobscot River in Maine entfernen und den dritten durchbrechen (geplant für 2012). Der wichtigste Schritt, um den atlantischen Wildlachs in Frankreich wieder heimisch zu machen, ist ein Abriss des Poutès Damms (erbaut 1941) am Oberlauf der Allier, einem Nebenfluss der Loire. Soeben hat die französische Regierung den Abbau des Damms angekündigt.

Ich persönlich würde zuallererst den Matilija Damm bei Ojai, unweit der Patagonia- Zentrale, abreißen. 2000 war ich dabei, als US Innenminister Babbitt auf diesem Damm stand und lauthals seinen Abriss versprach. Doch er ist immer noch da. Der Damm wurde 1948 von örtlichen Bewässerungsunternehmen erbaut und war schon 18 Jahre später nahezu versandet. Er ist eine unüberwindliche Barriere für die gefährdete Stahlkopfforelle, die wie der Lachs ins Meer zieht und zum Laichen in den Ventura River zurückkehrt. Und er hält den Sand zurück, den die Küste dringend bräuchte. Dass er immer noch steht, liegt an schlampiger Planung und Führungsschwäche der Politiker, der Wasserbezirke und des U.S. Army Corps of Engineers.

Als man den Schülern einer örtlichen Grundschule die Frage stellte, wie der Damm entfernt werden könnte, meldete sich kleines Mädchen und fragte: „Warum können sie nicht jedes Jahr ein klitzekleines Stück davon wegnehmen?“. Wenn man damit 2000 begonnen hätte, dann wäre der Matilija Damm heute verschwunden und die Stahlkopfforelle würde wieder im Matilija Creek laichen.

Der Dammbau ist eine veraltete Technologie, die nicht ins 21. Jahrhundert passt. Dennoch werden immer noch Dämme errichtet. Brasilien baut derzeit den Belo Monte Damm, den drittgrößten der Welt, der Zehntausende von Menschen von ihrem Land vertreiben wird. Argentinien will den Santa Cruz River aufstauen. Die fünf geplanten Staudämme im chilenischen Patagonien würden die längste Überlandleitung der Welt quer durch die Nationalparks erfordern. Wenn diese Dämme und Überlandleitungen gebaut werden, dann kann auch jeder andere chilenische Fluss nördlich davon gestaut und sein Strom in diese Leitungen eingespeist werden.

Wann wird das endlich aufhören? Erst wenn sämtliche Flüsse der Welt aufgestaut sind?

Wir stehen heute an der Schwelle zu einer Reihe sinnvoller, alternativer Energiequellen: Solar- und Windkraftwerke, Wellen- und Gezeitenkraftwerke, geothermische Energie und bessere Energieeffizienz. Statt das Wasser im Fluss selbst aufzustauen, sollte man es als Grundwasser oder in Becken abseits der Flüsse bzw. in renaturierten Schwemmebenen speichern, die gleichzeitig Hochwasserschutz und Wasserqualität verbessern. Schon Sparmaßnahmen können neue Staudämme überflüssig machen und bereits existierende Bahnlinien sind eine praktikable Alternative zu Wasserwegen. Ich verstehe nicht, warum wir unsere Flüsse so übereilig mit dieser veralteten Technologie zerstören mussten, und warum wir jetzt so lange damit zögern, diese Dinosaurier abzureißen.

Über den Verfasser

Yvon Chouinard ist Gründer und Inhaber der Firma Patagonia. Als weiterführende Lektüre empfiehlt er zwei Bücher: Salmon Without Rivers von James Lichatowich und Recovering a Lost River von Steven Hawley.