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Das Auge des Marlin

von Dick Russell & Jessie Benton
Erschienen in unserem Sommer-Katalog 2006

„Heute meldet die UN, dass 75% der Fischvorkommen unserer Meere bereits übermäßig dezimiert sind.“

Früher, in den Achtzigerjahren, als wir jung waren und begeisterte Hochseefischer auf dem Atlantik vor der Küste von Martha’s Vineyard, da gab es tatsächlich noch etwas zu fangen.

Große Schwärme von Roten, Weißen und Gelbflossen-Thunfischen streiften durch die Tiefen, ebenso wie Dorados, gelegentlich ein Wahoo, die einzelgängerischen Marline (weiße und blaue) und – für alle, die sich dafür interessierten – verschiedenste Hai-Arten, darunter der essbare Hai, der Mako.

Selbst damals schon sahen wir gelegentlich, wie mit großen Netzen ein ganzer Schwarm von Thunfischen auf einmal weggefangen wurde. Hunderte von Fischen zugleich wurden abgeschlachtet – und sämtliche Tümmler dazu, die zufällig gerade mit ihnen schwammen. Wir hörten die lauten Klagerufe der Tümmler – und es brach unser Herz.

Trotzdem gelang es uns meist, Fische zu finden und zu fangen. Wir waren eine große Familie und konnten Geld sparen, indem wir uns mit selbst gefangenem Fisch versorgten, obwohl der Treibstoff teuer war. Unser Boot war häufig das letzte, das die Fischgründe erreichte; aber dafür fanden wir oft Fische, die andere in ihrer Eile übersehen hatten. Wir brachen bereits vor der Morgendämmerung auf, um zur Stelle zu sein, wenn die Fische bei Tagesanbruch auf Beutezug gingen. Es war aufregend – und ein Erlebnis für die ganze Familie. Unsere beiden ältesten Söhne bildeten die Bootsmannschaft, und auf jede Fahrt nahmen wir eins oder zwei der kleineren Kinder mit. So lernten sie alle die Kunst des Fischens, wie man die Fische findet, wie man Köder vorbereitet und wie viel Kraft und Lebensenergie in so einem Fisch am anderen Ende der Leine steckt. Es gehört viel Ausdauer und Disziplin dazu, eine eingespielte Crew und ein guter Kapitän, um einen großen Fisch zu fangen; und jedes Mal war es ein bewegender Augenblick in unserem Leben. Keiner schämte sich seiner Tränen, wenn wir den großen Fisch schließlich ins Boot zogen.

Die „Aufkäufer-Boote“ waren auch immer da, wie riesige Geier. Und meist waren auch die schwimmenden Fischfabriken in der Nähe, die den Thunfisch aufkauften – zu Preisen von bis zu 20.000 Dollar für einen perfekten, riesigen Roten Thun. Er wurde dort sofort filetiert und noch am selben Tag direkt nach Japan geflogen. Mit langen Treibleinen, mit gigantischen Schleppnetzen und von Sportbooten aus, konkurrierte eine Armee von Fischern um die gleichen Ressourcen. Unsere Tage auf dem Meer waren äußerlich immer noch aufregend und schön, aber in unserem Herzen nagten zunehmend Schuldgefühle, weil letztlich auch wir zum Verlust dieser herrlichen und imposanten Lebewesen beitrugen.

Nach und nach verschwanden die großen Thunfisch-Schwärme, und selbst einen Marlin zu sehen, war schon ein besonderes Ereignis. Über die weiten Wasserflächen zu fahren, ohne ein Zeichen von Leben zu sehen, war entmutigend; und da wir die Lage kannten, machte es uns zunehmend Angst.

Ich erinnere mich an einen traumhaften Tag mit blauem Himmel, glasklarem Wasser, silbrig gekräuselten Strömungslinien und Schwärmen Fliegender Fische. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit war uns ein guter Fang gelungen und wir waren gerade auf der Rückfahrt und dabei, mit einem Sauvignon blanc auf unser Glück anzustoßen, als wir von der Brücke aus einen Marlin entdeckten. Einen wunderschönen, nicht besonders großen Weißen Marlin, der am Rand der Strömungslinie dahin glitt. Seine Rückenflosse schnitt durch das spiegelglatte Wasser.

Wir hielten den Motor an, ließen das Boot zu ihm hinüber treiben und boten ihm einen lebenden Köder an. Der Marlin nahm ihn sofort an und seine herrlichen Regenbogenfarben leuchteten in der tief stehenden Sonne des Spätnachmittags. Nach einem eindrucksvollen Kampf mit mächtigen Sprüngen war er erschöpft und ließ sich ans Boot heranziehen. Er hatte den Köder verschluckt und wir konnten ihn daher nicht freilassen. Also zogen wir ihn am Mast hoch und ließen ihn ausbluten. Es war ein ergreifender Anblick voller Wehmut, wie sein Leben erlosch und seine herrlichen Farben zu einem tristen Schiefergrau verblassten. Weißer Merlin ist ein köstlicher Fisch, und er würde uns eine ganze Zeit lang ernähren. Wir haben sogar seine Haut gegerbt, um sie für Dekorationszwecke zu nutzen. Und doch blieb ein ungutes Gefühl.

Als wir in Sichtweite des Festlands kamen, entdeckte unser Sohn vom Heck aus einen weiteren Marlin, der aus dem Wasser sprang. Er schien uns zu folgen. Noch waren es fast 20 km bis zum Hafen, und mit unserem langsamen Boot würden wir einige Zeit dafür benötigen. Wir gingen auf halbe Geschwindigkeit – und tatsächlich: Der Fisch kam immer näher, während wir die Insel ansteuerten. Schließlich sprang er nahe unserem Boot aus dem Wasser, und es war deutlich, dass er den Marlin anschaute, der weithin sichtbar an unserem Mast hing.

Ich könnte schwören, dass ich Zorn in seinen Augen gesehen habe. Plötzlich dämmerte es uns, dass wir wahrscheinlich seinen Gefährten gefangen hatten. Immer wieder und wieder sahen wir ihn springen, und er folgte uns bis in küstennahe Gewässer, in die ein Marlin sich normalerweise nie vorwagt. Als die Sonne leuchtend rot im Meer versank, sprang er ein letztes Mal: Dann wendete er nach Osten und zog wieder aufs offene Meer hinaus. Keiner von uns brachte ein Wort heraus. Aber eins war uns allen klar: An dieser Zerstörung konnten wir uns nicht weiter beteiligen. Für uns war dies der letzte Tag, an dem wir zum Fischen aufs Meer hinaus gefahren waren.

* * *

Vor nicht langer Zeit schien der Nahrungsreichtum der Ozeane unerschöpflich zu sein. Heute meldet die UN, dass 75% der Fischvorkommen unserer Meere bereits übermäßig dezimiert sind. Mehr als 3,5 Millionen Fischerboote, ausgerüstet mit modernster Technik, kreuzen auf unseren Ozeanen. Schwimmende „Fischfabriken“ fangen rund 60 Tonnen Fisch mit einem einzigen Netz. Und auf dem Meeresboden hinterlässt jeder Fischzug Zerstörungen, als wäre man mit einem gigantischen Bulldozer durch die empfindlichen Korallenriffe gefahren.

Fischereiboote, die Treibleinen von über 150.000 km Länge auslegen (mit annähernd 5 Millionen Haken!), vernichten rund 90% aller schwerttragenden Fische. Marline werden dabei als „Beifang“ betrachtet und tot wieder ins Meer zurück geworfen. Sowohl der Weiße als auch der Blaue Marlin werden bald zu den gefährdeten Arten zählen. Der majestätische Rote Thun ist im westlichen Atlantik bereits nahezu ausgerottet – ein Opfer zahlloser Netze, Harpunen und Fischfallen. Schätzungsweise tausend Delphine und Tümmler pro Tag verenden elend in den Tunfischnetzen.

Noch in den Achtzigerjahren galten Haie als eine „zu wenig genutzte Art“ und es wurde empfohlen, sie stärker zu befischen. Heute sind Wissenschaftler besorgt, dass ihr drastisch zurückgehender Bestand die gesamte marine Nahrungskette schwerwiegend beeinflussen wird. Noch immer sind entsetzliche Fangmethoden an der Tagesordnung: etwa dass man lebend gefangenen Haien die Flossen abschneidet, um Suppe daraus zu machen, ehe man sie zurück ins Meer wirft.

Die einst reichen Bestände des nordatlantischen Kabeljau sind weit davon entfernt, sich zu erholen. Im Pazifik sind der Zackenbarsch und der Rote Schnapper ebenfalls gefährdet. Wenn eine Art fast ausgerottet ist, konzentriert sich die Berufsfischerei auf die nächste.

Der atlantische Felsenbarsch hat sich überraschend erholt – aber erst nach einem fünf Jahre dauernden strengen Fangverbot. Und es gibt durchaus auch andere Schritte in die richtige Richtung: Das Monterey Bay Aquarium hat 4 Millionen Exemplare eines „Seafood Watch Guide“ publiziert, der den Verbraucher darüber aufklärt, welche Arten besonders bedroht sind. Ein neues Auszeichnungsgesetz in den USA verlangt von allen Supermärkten, dass sie angeben, aus welchem Land ihr Fisch stammt. Die Frage ist nur, ob selbst eine weltweite Zusammenarbeit noch rechtzeitig kommen kann.

* * *

Vor fast 18 Jahren luden wir unsere Kinder in ein großes Campmobil und fuhren zu den unberührten Stränden der Baja California Halbinsel von Mexiko. Für unsere Begriffe war das Küstenfischen dort noch paradiesisch, doch die Oldtimer sagten uns: „Früher konnte man hier nachts nicht schlafen, weil so viele Fische sprangen.“

Einige Jahre später kauften wir uns ein Stück Land und bauten ein Haus am Strand. Einer unserer Hunde rannte dort jeden Morgen hinunter ans Wasser, um die Sardinen zu fressen, die die Jackfische auf den Sand getrieben hatten. Damals gab es hier eine Unzahl von Kleinfischen, von denen sich die großen Raubfische ernährten: der Rotgoldene Dog-Snapper etwa. Ihn bei Sonnenuntergang aus der Brandung zu ziehen, war ein dramatisches Erlebnis. Auch Ziegenbarsche und Pargos konnte man hier vom Strand aus angeln – und gelegentlich sogar einen Gelbflossen Thun.

Doch seit der Jahrtausendwende hat sich auch hier am Golf von Kalifornien vieles verändert. Fast den ganzen Winter hindurch gibt es praktisch keine Kleinfische mehr. Vor drei Jahren sind die meisten unserer Pelikane verhungert. Zum Glück waren sie nicht allein, sondern hatten immer einen Gefährten in der Nähe, der die Bussarde abhielt, so dass sie wenigstens in Würde sterben konnten. Die riesigen Schwärme von Mantas sind auf ein paar einzelne Exemplare zusammengeschrumpft. Nur zwei Fischerei-Aufseher sollen hier eine 500 km lange Küste überwachen. Ein Ding der Unmöglichkeit! Heute sind von den ursprünglichen Populationen der Großfische nur noch 5-10% übrig; der Rest wurde durch Treibleinen und Netze ausgerottet.

In den letzten 15 Jahren haben wir erlebt, wie zwei Ozeane leergefischt wurden. Hier ging alles sehr schnell. In meinem Herzen bete ich dafür, dass das Leben zurückkehrt, dass die Ozeane erneut von Fischen und Walen wimmeln, und dass wir einen Weg finden werden, um in Harmonie zusammen zu leben. Aber ich frage mich, was es noch braucht bis wir das begreifen.

Aufruf zum Handeln
Oceana strebt eine Zukunft an, in welcher Delfine vor den Küsten mittlerer Breite häufig gesichtet werden, in welcher die gewaltigen Schwertfische, Marline und Thunfische wieder im Überfluss vorhanden sind, in welcher Wale und Meeresschildkröten gedeihen, in welcher Kabeljau den Atlantik in Hülle und Fülle bevölkert, in der sich einheimische Fischkulturen eher entwickeln als verschwinden und in der Fisch weltweit eine sichere, wachsende und reiche Nahrungsquelle darstellt.

Um mehr über Oceanas Hilfskampagnen für die Regeneration der Ozeane zu erfahren, besuchen Sie bitte ihre Website unter oceana.org.

Über den Verfasser
„Striper Wars: An American Fish Story“ ist das neueste von vier Büchern von Dick Russell (dickrussell.org), die alle von der Kritik hoch gelobt wurden. Sein Buch „Eye of the Whale“ wurde von drei großen Zeitungen zum besten Buch des Jahres 2001 gekürt. Jessie Benton ist Sportlerin, Künstlerin, Weltreisende und Schriftstellerin. Sie lebt abwechselnd in Martha’s Vineyard und auf einem Vulkan in Mexiko.