Kaufen Sie dieses Hemd nur, wenn Sie es wirklich brauchen

by Yvon Chouinard & Nora Gallagher
Spätsommer 2004

Nicht weit von der Patagonia-Zentrale an der Küste Mittel-Kaliforniens hat einst das Volk der Chumash jahrtausendelang im Einklang mit der Natur gelebt. Die Menschen wohnten in kleinen Siedlungen und besaßen Felldecken, kunstvolle Körbe und mit Muscheln verzierte Speckstein-Töpfe. In den Berghöhlen haben sie komplizierte, abstrakte Bilder hinterlassen. Jedes Dorf besaß Zeremoniengebäude und Spielfelder. Die meisten Chumash nahmen fast täglich ein reinigendes Dampfbad im gemeindeeigenen Temazcal. Und jedes Dorf hatte einen Getreidespeicher, in dem Vorräte eingelagert wurden, die man später an Bedürftige verteilte.
Die Chumash tauschten kostbare Schalen von Olivenschnecken gegen schwarzen Farbstoff, Honigmelonen, Pinienkerne, wilden Tabak, verschiedene Kräuter und Salz. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts bildeten sie eine hoch entwickelte Gesellschaft von Jägern und Sammlern mit einem ausgedehnten und komplexen Handelsnetz.

Andere Indianerstämme der Westküste führten ein ganz ähnliches Leben. Gerald Amos, Mitglied (und einstiger Häuptling) der Haisla Indianer von Kitamaat im Nordwesten Kanadas, erinnert sich an einen Freund seines Vaters, der vor Morgengrauen aufbrach, um sechs Kilometer zu seiner Trapline zu paddeln. Den ganzen Tag lang ging er seine Fallen ab, überprüfte sie und stellte sie neu. „Im Spätherbst und zu Beginn des Winters, solange die Silberlachse noch stiegen, pflegten sie auf dem Rückweg zum Boot an einem der Bäche anzuhalten, ein paar Lachse zu fangen, sie auszunehmen und im Rucksack nach Hause zu tragen – zusammen mit den Tieren aus den Fallen. Den Lachs bereiteten sie sich später als Abendessen zu.“

Das nennt man Subsistenzwirtschaft und denkt dabei oft an einen mühsamen Kampf ums Überleben. Aber man kann das auch anders sehen. Wir bei Patagonia nennen das eine "Wirtschaft des Wohlstands". In einer Wirtschaft der Fülle hat jeder, was er braucht. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Genug. Vor allem hat jeder auch genug Zeit für das, was wichtig ist: soziale Kontakte, gutes Essen, Kunst, Spiele und Erholung.

In den USA glauben wir, im Wohlstand zu leben – umgeben von Überfluss. Aber das ist eine Täuschung und entspricht nicht der Wirklichkeit. Tatsächlich wird unsere Wirtschaft durch „nicht genug“ geprägt. Als wir einen erfolgreichen Unternehmer einst fragten, ob er genug Geld habe, antwortete er: „Ja, versteht ihr denn nicht? Man hat nie genug.“

Wir haben nie genug Geld. Und wir haben nie genügend Zeit. Wir haben nicht genug Kraft und nicht genug Ruhe. In den USA leben wir in einem der reichsten Länder der Welt, doch unsere Lebensqualität wird global nur auf Rang 14 eingestuft. Wie der Philosoph Eric Hoffer Mitte des 20. Jahrhunderts sagte: „Die Leute haben nie genug von dem, was sie gar nicht brauchen, um glücklich zu sein.“

Und indem wir immer härter arbeiten, um mehr von dem zu bekommen, was wir gar nicht brauchen, zerstören wir unsere natürliche Umwelt. Dr. Peter Senge, Autor und Dozent am Massachusetts Institute of Technology sagt: „Wir rennen mit geschlossenen Augen ins Verderben – immer schneller und schneller, um dorthin zu gelangen, wo kein Mensch hin will.“

Wir sollten unsere Wirtschaft also eher eine „Mangel-Wirtschaft“ nennen.

Wer nun glaubt, die „Wirtschaft des Wohlstands“ sei mit den Chumash untergegangen, der sollte einmal nach Europa schauen. Die Europäer kaufen bis heute lieber wenige und qualitativ hochwertige Kleidungsstücke, die sie dann viele Jahre lang tragen. Ihre Häuser und Wohnungen sind meist kleiner als die in den USA; sie nutzen öffentliche Verkehrsmittel und kaufen kleinere, sparsamere Haushaltsgeräte und Autos. Sie genießen eine um 25% höhere Lebensqualität als die Amerikaner (während bei uns der Konsum um 75% höher ist).

Oder schauen Sie nach Bhutan, dessen König darauf besteht, das „Bruttonationalglück“ zu ermitteln.

Jeder Mensch und jedes Land kann immer noch reicher werden und dabei blind ins Verderben laufen. Wir können aber auch schlank und beweglich bleiben; reich an Schönheit, reich an Zeit und reich an Glück (was schon unsere Vorfahren motivierte).

Im Mittelpunkt unserer Patagonia-Umweltkampagne steht die Bedrohung wilder Lachse und die Frage, was wir tun können, um das zu werden, was Ecotrust ein „Lachsvolk“ nennt, ein Volk, das zur intakten Erhaltung ganzer Flusssysteme beiträgt und zum Wohlergehen ihrer Bewohner. Ein Lachsvolk ist ein Volk des Wohlstands, dessen Menschen so Leben, dass auch die Fische gedeihen können. Wer das für unrealistische Träumerei hält, sollte Seth Zuckermans Reportage "The Gift: Salmon Recovered" lesen, um zu erkennen, wie die Zahl der Wildlachse in Alaska wieder zugenommen hat, nachdem der Staat mit fortschrittlichen Methoden wie Sonargeräten, Zählungen und Luftbeobachtungen die Überfischung gestoppt hat. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die Berufsfischer in Alaska ihre Fänge mehr als verdoppelt.

Nach solchem Reichtum strebt Patagonia. Wir wollen nicht grenzenlos expandieren, sondern schlank und beweglich bleiben. Wir wollen die bestmögliche Kleidung herstellen – und die haltbarste. Es geht uns darum, höchste Qualität zu schaffen, damit unsere Kunden weniger konsumieren und dafür besser leben. Bei jeder Entscheidung muss man ihre ökologische Auswirkung berücksichtigen. Wir stellen Skijacken her, die durch kompromisslose Funktionalität überzeugen – aber zugleich so gut aussehen, dass man sie bei schlechtem Wetter in Paris auch über Anzug oder Abendkleid tragen kann. (Die meisten anderen Skijacken hängen neun Monate pro Jahr im Kleiderschrank.)

Eine wahre Gesellschaft des Wohlstands gibt den Lachsen ihre Flüsse zurück, in denen sie laichen und gedeihen können. Die Bäume wachsen dort bis zu ihrer natürlichen Größe. Das Wasser ist sauber. Die Welt erhält ihren Zauber und ihre Faszination zurück. Die Menschen leben dort im Rahmen ihrer Verhältnisse und vor allem: Sie haben die Zeit, um das zu genießen, was sie haben.

Über den Verfasser

Yvon Chouinard ist Inhaber von Patagonia und hat die Geschäftsphilosophie seiner Firma in dem Buch Lass die Mitarbeiter surfen gehen (Redline Verlag) niedergeschrieben.

Nora Gallagher ist Autorin der beiden Denkschriften Things Seen and Unseen und Practicing Resurrection (beide erschienen bei Alfred A. Knopf und Vintage Books) sowie Herausgeberin von Patagonia: Notes from the Field (Chronicle Books). Außerdem bearbeitet sie unsere Umwelt-Essays.