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Ein Küstengrizzly bei Morgengrauen im Katmai National Park, Alaska. Foto: Barry und Cathy Beck

Überlebenswege

von Rick Ridgeway
Erschienen im Herbst-Katalog 2008

Viele Wildtiere müssen lange Strecken zurücklegen, um zu überleben. Die Wanderrouten zwischen den Habitaten werden bei Adlern, Wasservögeln, Wapiti-Hirschen und Hunderten anderer Arten von Generation zu Generation weitergegeben. Um ein eigenes Revier zu finden müssen die Jungtiere vieler Arten weit umherstreifen. Von freiem Raum für Wanderungen ist es oft abhängig, ob Wildtiere sich an Veränderungen anpassen können oder nicht. Und selbst für Arten, die keine jahreszeitlichen Wanderungen unternehmen, ist es wichtig, neue Partner in neuen Revieren zu finden, um die genetische Gesundheit und Vielfalt zu bewahren.

Was geschieht, wenn Habitate durch Städte und Straßen voneinander getrennt oder durch Felder und Zäune zerstückelt werden? Seit den 1960er Jahren haben Artenschutz-Biologen immer genauer ermittelt, wie groß ein Schutzgebiet mindestens sein muss, um langfristig das Überleben aller Arten zu gewährleisten. Es überrascht nicht, dass Großwild auch große Räume braucht. Wenn ihr Territorium durch Straßen, Energiegewinnung und Wohnungsbau zerstückelt werden, ist das Überleben des Großwilds – und aller von ihm abhängigen kleineren Tiere – gefährdet. Der Schriftsteller David Quammen hat das sehr bildhaft so erklärt: Wenn man einen handgewobenen türkischen Teppich in 36 Teile schneidet, dann hat man nicht 36 türkische Teppiche, sondern nur 36 wertlose Fetzen.

Doch das ist nur ein Problem. Ein weiteres ist erst in den letzten Jahren ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Was geschieht, wenn Habitate sich durch die globale Erwärmung verändern und Tierarten dadurch wie auf Inseln isoliert werden? Viele von uns haben im letzten Jahr die Berichte vom Weltklima-Rat (IPCC) verfolgt, der die bis dato umfassendsten und fachkundigsten Studien über die möglichen Auswirkungen der globalen Erwärmung veröffentlichte. Falls Wildtiere in isolierten Habitaten eingeschlossen werden, prognostiziert der IPCC, das bis zum Ende unseres Jahrhunderts ein Viertel aller Tier- und Pflanzenarten aussterben können. Seit dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren hat es auf unserem Planeten keine vergleichbare Katastrophe gegeben. Das bedeutet: In seiner relativ kurzen Geschichte auf diesem Planeten war der Mensch nie mit einem Problem dieser Größenordnung konfrontiert.

Über den Verfasser
Rick Ridgeway gehört seit den Anfängen in den frühen 70er Jahren zur Patagonia-Familie. Derzeit ist er als VP of Environmental Initatives für unsere Umweltinitiativen zuständig.