Rotlachs und Blausäure

von Steve Maher

Geduldig warten die Braunbären an den großen Flüssen Südwest-Alaskas. Seit jeher haben sie Jahr für Jahr in diesen Gewässern Lachse gefangen. Die Halbinsel ist nahezu baumlos mit vereinzelten, verkrüppelten Fichten, Erlen und Birken. An der Küste wird die Tundra von seichten, schlammigen und kilometerbreiten Flüssen unterbrochen und entlang dem Rücken der Halbinsel geht sie in wolkenverhangene Vulkangipfel über.

Diese kahle und oft eintönige Landschaft wird jeden Sommer Zeuge eines unbeschreiblichen Schauspiels, wenn Millionen von Rotlachsen zum Laichen zurückkehren. Sie erfüllen die Flüsse mit Nahrung und Proteinen, auf die zahllose Tiere dieser Region angewiesen sind.

Bristol Bay ist der Schauplatz einer der größten Lachswanderungen der Welt. Nahezu 70% aller Rotlachse kehren jeden Sommer in „die Bay“ zurück. Drei Wochen lang strömen sie als mächtige Flut von überall heran. Ab der dritten Juniwoche schwillt der Strom stetig an bis er um den 4. Juli seinen Höhepunkt erreicht. Rund 30 Millionen Fische kommen in die Bucht. So weit man sehen kann springen Hunderte von Fischen gleichzeitig aus dem Wasser. Und das tagelang. Aber noch gewaltiger ist die rätselhafte Kraft, die dahintersteht - die wilde Macht und Magie, die Millionen von Tieren synchron Handeln lässt.

Die Bay ist einer der bedeutendsten und reichsten Lachsgründe Alaskas. Sie ernährt die Ureinwohner und beschäftigt Tausende von Saisonarbeitern, die jeden Sommer in den Norden kommen um auf den Fischerbooten und in den Konservenfabriken zu arbeiten. Und vor allem: Die ökologische Stabilität von ganz Südwest-Alaska steht und fällt mit den Rotlachsen. Das Wohlergehen der Bären, Vögel, Pflanzen und Menschen ist von diesen Fischen abhängig.

Ich arbeite inzwischen schon die 17. Saison in Alaska. Was mich an dieser Fischerei immer fasziniert hat, ist ihre elementare Verbundenheit mit der ursprünglichen Natur. Ich mache hier den simpelsten Job, den man sich nur vorstellen kann: Ich fange Fisch und werde dafür bezahlt. Wir hängen unsere Netze wie Vorhänge ins Wasser. Die Lachse schwimmen in die Maschen, versuchen rückwärts herauszukommen und verfangen sich mit den Kiemen. Ganz einfach. Wir fangen nur Lachs – es gibt keinen Beifang. Die Rotlachse herauszuholen ist elementar und packend. Ohne jede Romantik. Wenn während des Höhepunkts der Wanderung in jedem Netz Hunderte von Fischen zappeln, dann fühle ich immer wieder aufs Neue etwas Einzigartiges: einen energiegeladenen Fisch, der um sein Leben kämpft. Oft sehe ich in seinem lidlosen Blick die schiere Lebenskraft. Und solange alle anderen auf ihre Arbeit konzentriert sind, wünsche ich ihm leise Glück und lasse ihn schwimmen. Dann stelle ich mir vor, dass dieser eine Fisch alle anderen Netze umgeht und unversehrt an allen Bären vorbeischwimmt, die die Ufer säumen, um das zu vollenden, wofür er sich auf den Weg gemacht hat.

In der Bristol Bay wurde schon immer nachhaltig gefischt. Berufsfischer kommen seit etwa 1880 hierher und die Einheimische haben hier schon seit Jahrhunderten Lachse gefangen. Jetzt legen staatlich beauftragte Wissenschaftler der Resourcen-Verwaltung die Fanggrenzen fest, um Überfischung zu vermeiden und die Erhaltung einer gesunden Population zu gewährleisten. Sie entscheiden nach rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten, unbeeinflusst von den Interessen der Fischerei. Die für die Arterhaltung unerlässlichen Laichplätze der Bristol Bay Lachse sind ausdrücklich geschützt. Dämme, Straßen, Verschmutzungen und alle menschliche Einflüsse sollen von ihnen fern gehalten werden. Der Schutz der Laichplätze ist entscheidend für Gesundheit und Erhaltung der Art. Sind weiter stromauf die Laichgründe gesichert, so ist die Frage der Fangzahlen und der Fische, die ihr Ziel erreichen müssen, leicht zu lösen oder zumindest kein ernstes Problem.

Dass dieses Gebiet gefährdet ist, das ist allgemein bekannt. Jetzt will die kanadische Firma Northern Dynasty mt dem Pebble Mine Projekt unmittelbar nördlich des Lake Iliamna eine Tagebau-Mine für Gold und Kupfer erschließen – voraussichtlich die größte Gold- und die zweitgrößte Kupfermine Nordamerikas. Sie würde im Einzugsbereich von zwei höchst sensiblen und wichtigen Flusssystemen liegen und damit alles verändern.

Die täglich verarbeiteten 224 000 Tonnen Erz wären etwa die 20-fache Menge der Red Dog Mine in Nordwest-Alaska. Und nach Angaben der Umweltbehörde EPA war die Red Dog Mine 2002 Verursacher der größte Giftmüllbelastung der Vereinigten Staaten. Die Grube des Pebble Mine Projekts soll mehr als zwei Meilen lang, eineinhalb Meilen breit und über 500 m tief werden. Sie würde einen über 50 km² großen Sedimentsee verursachen. Dazu kommt die schwere Beeinträchtigt der Wasserqualität durch den Bergbau und die Unfähigkeit der Unternehmen, den Zyanid- und Säureausstoß der gigantischen Absetzbecken und Abraumhalden jemals ganz in den Griff zu bekommen. Northern Dynasty plant, die maximale Förderungskapazität der Mine im Jahr 2011 zu erreichen, etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem ein im Jahr 2007 geschlüpfter Rotlachs seinen Zyklus vollendet.

Die Bristol Bay ist keine unversehrte Wildnis mehr und von den zerstörerischen Einflüssen der Industrie nicht unberührt geblieben. Aber sie ist ein erstklassiges Beispiel für nachhaltige Fischerei, bei der alle Beteiligten bemüht sind, das fragile ökologische Gleichgewicht zu erhalten. Sie ist ein Ort, bei dessen alljährlichem Wunder wir nur eine Nebenrolle spielen und keine Hauptrolle. Denn diese Rolle spielen die Lachse. Jede Mine, ganz besonders aber ein Gigant wie Pebble, hätte verheerende Folgen für die Lachse. Und ich bin hier nicht Prophet, sondern sehe die Beispiele der Vergangenheit. Wir haben Mittel und Wege uns in das gigantische Netzwerk der Ozeane einzufügen. Aber das kann nur gelingen, wenn wir ein bisschen zurückzustecken lernen. Selbst die weiten Ozeane sind bereits von unserer Hand gezeichnet. Doch wenn wir lernen, uns in dieses natürlichen System einzufügen, werden uns die Meere ernähren. So ist unser Wohlergehen unausweichlich und auf rätselhafte Weise vom Zyklus der Rotlachse abhängig.

Über den Verfasser

Steve Maher ist Berufsfischer ohne festen Wohnsitz, der zwischen Washington, Florida, North Carolina und der Beringsee pendelt.