Wildnis-Einsiedler

von Karsten Heuer
Erschienen im Herbst-Katalog 2008

Der Wildbiologe Mark Hebblewhite denkt gern in großen Dimensionen. Für seine Freunde und Kollegen war es daher keine große Überraschung, dass der schmächtige, 35-jährige Professor der Universität Montana Anfang 2006 Kanadas Taiga als neues Projekt ins Auge fasste. Dieser dicht bewaldete Gürtel aus Fichten, Kiefern, Lärchen, Pappeln und Espen mit einer Fläche von über 6 Millionen Quadratkilometern erstreckt sich 8000 km weit vom Atlantik bis zum Pazifik. Er speichert mehr als 186 Mrd. Tonnen klimaverändernden Kohlenstoffs – was dem US-Ausstoß von 32 Jahren entspricht. Seine zahllosen Flüsse und Seen filtern und speichern den Großteil des nordamerikanischen Wasservorrats. In diesen Wäldern sind 300 Vogelarten, Vielfraß, Luchs, Elch, Hirsch, Bär und Karibu heimisch. Sie sind eines der drei letzten Waldgebiete dieser Größenordnung auf unserem Planeten.

Doch trotz ihrer Größe und Lebenskraft ist Kanadas Taiga bedroht (nur 6% stehen unter dauerhaftem Schutz). Der Bestand von über 50% der 60 bekannten Herden von Waldkaribus (das Wappentier der Taiga) ist rückläufig. Mit Hilfe eines Teams von Studenten und Kollegen aus ganz Nordamerika wollte Hebblewhite herausfinden warum.

Wie er so ist, steckte „Heb” in West-Alberta ein Forschungsgebiet ab, zehnmal so groß wie der Yellowstone Park. Anstatt jedoch sofort die neun Herden zu studieren, die in diesem Areal vermutet wurden, ging er mit seinem Team zunächst auf Erkundungstour.

Selbst Monate nach diesem zweieinhalbwöchigen Treck bebt Hebs sonst so energische Stimme, wenn er an die ersten Tage zurückdenkt. Der Kampf durchs dichte Unterholz. Die zähen Moore. Die verborgenen Canyons. Doch genau in diesen verfilzten Moorwäldern stieß das Team erstmals auf sein Studienobjekt – und aus Elend wurde Begeisterung.

Die Karibus trugen ihr glattes Sommerfell und Wissenschaftler staunten, wie die muskulösen Tiere mehr zu gleiten als zu gehen schienen. Ihre weißen Wedel zuckten als sie scheinbar mühelos über den sumpfigen Grund hüpften und ihre gespreizten Hufe ließen das Moor erzittern. Sekunden schienen unendlich, wenn sich neugierige Kälber bis auf wenige Meter heranwagten, während besorgte Mütter aus sicherer Entfernung zuschauten und ihre Sprösslinge sanft grunzend zurück lockten. Dahinter verschwanden Bullen mit samtigen Bastgeweihen lautlos im Gewirr der Bäume.

Es waren nicht viele – zerstreute Gruppen von jeweils vier bis sechs Tieren. Genau wie die Wissenschaftler es erwartet hatten. Anders als ihre geselligen Verwandten der Tundra, führen die Waldkaribus ein Eremitenleben und bevorzugen die sumpfigsten, dichtesten und unwegsamsten Winkel der Wälder. So ziehen sie sich vor Hirsch und Elch zurück, ihren größten Konkurrenten, und vor allem vor ihrem Hauptfeind, dem Wolf.

Diese eigenartige Strategie hängt von zwei Faktoren ab: Anpassung und Raum. Eine jahrtausendelange Evolution hat für die Anpassung gesorgt: weit gespreizte Hufe, um sicher über die tückischen Moore zu laufen, und ein Verdauungsapparat, der Kohlehydrate aus den für andere Tiere ungenießbaren Flechten gewinnen kann. Der Raum hingegen wird durch den Menschen immer weiter eingeschränkt, der in ihrem Revier Erze, Holz und Öl ausbeutet. Gräser und Stauden auf den neuen Lichtungen und Schneisen locken Neuankömmlinge in alten Festungen und die Eremiten werden verdrängt.

Nach acht Tagen im Dickicht stießen Heb und sein Team auf eine 10 m breite Schneise, die ein Team von Ölsuchern mit Planierraupen durch den Busch geschlagen hatte. Nach über einer Woche war dies die erste deutliche Spur menschlicher Aktivität – und die erschöpften Wanderer konnten darüber nur erleichtert sein, denn sie wussten, dass solche Schneisen zu Straßen führen und sie nun leichter vorankommen würden. Als Biologen hingegen war ihre Freude von kurzer Dauer. Kaum hatten sie begonnen, dem schnurgeraden Pfad zu folgen, da tauchten im Morast erste Hirsch- und Elchfährten auf. Eine Meile später entdeckten sie den Pfotenabdruck eines großen Wolfes.

„Deutlicher hätte es niemand ausdrücken können,” sagt Heb. „Ein weiteres Rückzugsgebiet der Waldkaribus ist vor unseren Augen zerstört worden.”

Tatsächlich führte die Schneise zu einer Holzabfuhrstraße und diese wiederum zu einem ständig wachsenden Flickenteppich von Rodungsflächen, die Elche und Hirsche in die einst ununterbrochenen Wälder locken.

„Es war schwer, den Mut nicht zu verlieren,” sagt Heb, „aber etwas an den Tieren, die wir beobachtet haben – vermutlich ihre Zähigkeit und Anmut – bestärkte uns in unserem Bemühen, ihnen zu helfen.”

Es gibt Grund zur Hoffnung. Einige der multinationalen Unternehmen, die für die Schneisen in den Wäldern verantwortlich sind, interessieren sich für Hebs Antworten, ob und wie ihre Arbeit fortgeführt werden kann, ohne die Karibus zu gefährden. Ein staatlicher Plan zur Rettung des Waldkaribus ist in Arbeit und mehrere wichtige Lebensräume wurden bereits unter Schutz gestellt. Unter anderem wurde kurz nach Hebs Forschungstour ein über 100.000 km² großes Waldstück im kanadischen Nordwestterritorium zum Schutzgebiet erklärt – eines der größten Schutzgebiete Nordamerikas.

Solche Aktionen sind Zeichen des wachsenden Bewusstseins für Kanadas nördlichen Nadelwaldgürtel. Und sie sind Teil einer weit größeren Initiative mit dem Namen „The Big Wild“, deren Ziel es ist, die Hälfte aller kanadischen Wildnisgebiete unter Naturschutz zu stellen. Der nordische Wald, der 57% des riesigen Landes bedeckt, bildet natürlich den Kern dieser Bemühungen. Dies wird noch verstärkt durch seine Bedeutung als einer der weltgrößten CO2-Speicher, Wasserfilter und Reservoirs.

Für die Waldkaribus ist jedoch nicht wichtig, warum ihre Refugien geschützt werden sollen, sondern ob sie geschützt werden. Werden die Erkenntnisse von Hebs Team und der öffentliche Druck ausreichen, die Arbeitsweise der Öl- und Holzgesellschaften zu ändern?

Als sie wenige Tage später wieder bei ihrem Fahrzeug ankamen, ergingen sich die Forscher nicht in unwissenschaftlichen Spekulationen. Doch als Heb beim Starten des Fahrzeugs auf die lange Rückfahrt nach Missoula einen Blick auf seine erschöpften Mitstreiter warf, konnte er die Antwort ahnen.

Alle starrten aus der Heckscheibe und gaben den Karibus das schweigende Versprechen, bald wiederzukommen.

Über den Verfasser

Karsten Heuer, Autor und Wildbiologe, lebt in Canmore, Alberta/Kanada, wo er mit Mark Hebblewhite das Verhalten der Wölfe studiert hat. Derzeit arbeitet er an seinem vierten Buch „Finding Farley“ über eine Kanutour mit seiner Familie durch die nordischen Wälder. Mehr dazu auf seiner Website: www.beingcaribou.com.