TIMOTHY STUART

Die Geschichte von CR und Patagonia

Die Bekleidungsindustrie

Der Begriff „Sweatshop“ ist heute den meisten von uns geläufig. Er kam um 1996 auf, als eine Menschenrechtsgruppe enthüllte, dass Kathie Lee Kleidung zum Teil in solchen Sweatshops produziert und über Wal-Mart vertrieben wurde. Wie es sich zeigte, war die Marke Kathie Lee nicht die einzige. Wir erfuhren von Textilfirmen in Asien und Amerika, die unter ähnlichen Bedingungen produzieren: endlose Arbeitswochen, Bezahlung unterhalb der Mindestlöhne, keine Vergütung für Überstunden, mangelhafte Sicherheitsmaßnahmen und sogar Kinderarbeit. Für einige der weltgrößten Textil- und Schuhhersteller waren bzw. sind miserabelste Produktionsbedingungen tatsächlich gang und gäb.


Und das ist der Markt, für den auch Patagonia arbeitet.

Aber nicht alle Firmen sind so rücksichtslos. Manche handeln sogar sehr verantwortungsbewusst. Sie haben eine gewissenhafte Firmenleitung, die auf sichere, gesunde und menschenwürdige Arbeitsbedingungen achtet. Aber fraglos gibt es auch viele Missstände. Die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Textilindustrie sind meist jung, arm, ungebildet und rechtlos. Das Arbeitsrecht (und seine Umsetzung) ist teilweise unzureichend. Die Arbeiter werden manchmal ausgenutzt, diskriminiert, schikaniert, bedroht und betrogen und haben nicht das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Gesundheitliche und Sicherheitsrisiken sind nicht selten.

Ursache für diese Missstände sind nicht immer Egoismus, Gesetzesverstöße oder der weltweite Preiskampf. Oft liegt es auch an Unkenntnis oder Unfähigkeit – nicht nur seitens der Betriebe selbst sondern auch seitens der Auftraggeber. Kurzfristige Auftragsänderungen, verantwortungslose Preisdrückerei und knappe Lieferfristen können die ohnehin schon schwierigen Produktionsbedingungen noch verschärfen.


Patagonias Position in der Textilindustrie

Patagonia ist eine private Firma mit Sitz in Ventura, Kalifornien. Sie konzipiert, entwickelt und vertreibt Kleidung und Ausrüstung für Reise, Alltag und ein breites Spektrum von Outdoor-Aktivitäten. Die Firma ist bekannt für innovative Designs, hohe Qualität und eine umweltbewusste Firmenpolitik. Unsere Firmenphilosophie lautet: „Stelle das beste Produkt her, belaste die Umwelt so wenig wie möglich und inspiriere andere, Lösungen zur aktuellen Umweltkrise zu finden“. Deshalb verarbeiten wir umweltfreundliche Materialien wie Bio-Baumwolle, wiederverwertbares Recycling-Polyester und Hanf. Außerdem unterstützen wir finanziell und durch direkte Mitarbeit eine Vielzahl von Umweltprojekten – vom Engagement für Wildkorridore bis zum Kampf gegen die Genmanipulation. Bisher haben wir rund 46 Millionen Dollar in Geld- und Sachspenden für Umwelt-Basisgruppen zur Verfügung gestellt. Unsere eigenen Mitarbeiter – rund tausend Menschen, die in Büros, Geschäften und Vertriebszentren direkt für uns arbeiten – werden angemessen entlohnt und profitieren von günstigen Rahmenbedingungen wie großzügige Gesundheitsvorsorge, subventionierte Kinderbetreuung (in Ventura), flexible Arbeitszeiten und Lohnfortzahlung bei Umwelt-Praktika. Viele Mitarbeiter teilen unser Engagement für Umwelt und Qualität und engagieren sich in gesellschaftlichen oder Umweltgruppen. Die Fluktuation bewegt sich im einstelligen Bereich und im Schnitt erhalten wir rund zweihundert Bewerbungen pro Monat.

Wie die meisten Textilfirmen, stellen wir unsere Produkte nicht selbst her und sind auch nicht Inhaber der über 70 Firmen, die diese Aufgabe übernehmen. Wir entwickeln, testen und vertreiben Patagonia Produkte. Darauf verstehen wir uns. Für die Herstellung der Stoffe, das Zuschneiden und die Näharbeiten bezahlen wir andere, die über das entsprechende technische Know-how und Equipment verfügen.

Dabei sind wir stets bestrebt, mit Firmen zu arbeiten, die unsere Grundsätze hinsichtlich Umweltschonung und sozialer Verträglichkeit teilen. Bisher war dies ohne großen Aufwand möglich. Da wir besonderen Wert auf Qualität legen und mit unseren Partnern eng zusammenarbeiten, hat sich dies weitgehend von selbst ergeben. Eine schlechte Firma kann nun einmal keine guten Produkte herstellen. Deshalb arbeiten wir mit den besten Firmen der Welt zusammen. Sie sind überwiegend sehr effizient und gut geführt. Ihre Mitarbeiter haben meist viel Erfahrung. Obwohl sonst in der Textilindustrie die Fluktuation hoch ist, gelingt es diesen Unternehmen, ihre Mitarbeiter langfristig zu halten, da sie sie gut bezahlen und fair behandeln.


Patagonias Weg zu verantwortlichem Handeln

All das schien ziemlich klar und sicher, solange wir ein kleiner Betrieb waren. Als die Firma wuchs, wurde jedoch deutlich, dass wir diese Voraussetzungen überprüfen und ein formales Kontrollverfahren für unsere Vertragsfirmen entwickeln mussten. Seit 1990 achten unsere für Vertragsabschlüsse und Qualitätskontrolle zuständigen Mitarbeiter nicht nur auf die Qualität der Produkte, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen in den Betrieben. Wir haben beschlossen, mit keiner Firma Geschäfte zu machen, die solche Kontrollen verweigert.

Im Jahr darauf präsentierten wir ein „Verfahren zur Bewertung von Vertragsfirmen”, wie wir es nannten. Wir haben es bei unserer ersten Lieferanten-Konferenz vorgestellt, zu der Vertreter aller Vertragsfirmen eingeladen waren. Für jede wurde eine Bewertungsliste angelegt, um ihren Stand in verschiedenen Bereichen zu klassifizieren. Die Manager der Firmen wurden gebeten, ebenfalls eine solche Liste zu führen. Falls ein Unternehmen bei uns nur eine niedrige Einstufung erzielt, sich selbst aber positiv bewertet, überprüfen wir diese Differenz genauer. Diese Methode ist nicht sehr orthodox, doch unser Engagement für Qualität fordert auch soziales Handeln.


Erste unabhängige Kontrollen

Seit Mitte der 1990er Jahre haben wir dann Verträge mit unabhängigen Prüfern geschlossen. Sie besuchen und beurteilen potenzielle neue Partnerfirmen. Solche Prüfungen können zwar nur eine Momentaufnahme sein, doch sie vermitteln eine Vorstellung von Arbeitsbedingungen und Management. Außerdem sind sie stets ein guter Anlass, um Verbesserungen zu diskutieren. Unsere Überprüfungen der Arbeitsbedingungen verliefen recht locker und informell, bis zwei ehemalige Patagonia-Prüfer 1996 eine Einladung erhielten, bei Präsident Clintons „No Sweat Initiative” mitzuwirken. Daraufhin entwickelten wir ein formelleres Verfahren und wurden Gründungsmitglied der Fair Labor Association (FLA), einer unabhängigen Multi-Stakeholder Organisation, die unsere Partnerfirmen überprüft.


Ein Schritt zurück

Nach all diesen Fortschritten kam es zu einem Rückschritt, als wir Verträge mit neuen Firmen schlossen, die billiger liefern konnten. Die Zahl der Vertragsfirmen explodierte und einige von ihnen gaben Aufträge an Drittfirmen weiter, von denen wir keine Ahnung hatten. Dadurch verloren wir den Überblick über unsere Zulieferer und deren Arbeitsbedingungen. Vorübergehend waren wir nicht mehr in der FLA.

Doch 2002 haben wir einen Social Responsibility Manager eingestellt, um die Sozialverträglichkeit der gesamten Produktionskette zu durchleuchten und um wieder mit der FLA zu kooperieren. Zunächst boten wir unseren Angestellten eine Schulung über Arbeitsplatz-Probleme, damit sie nicht ungewollt dazu beitragen, Arbeitszeit, Leistungsdruck oder Belastung der Arbeiter zu erhöhen.


Unsere interne Entwicklung

Heute schulen wir unser Personal in sozialer Verantwortung. 2007 haben wir die gemeinnützige, internationale Audit- und Schulungs-Organisation Verité damit beauftragt, unsere 75 für die Überwachung der Zulieferer verantwortlichen Angestellten zu schulen, damit sie unseren Verhaltenskodex gründlich verstehen. Jedes Jahr bieten wir einen Auffrischungskurs für neue, aber auch für erfahrene Mitarbeiter.

Wir verstärken unsere Zusammenarbeit mit anderen Marken beim Auditing ebenso wie mit unabhängigen Experten vor Ort, um besondere Probleme zu lösen, und tauschen zunehmend Informationen aus. Drei unserer acht Zuschneide- und Nähbetriebe gehören inzwischen der FLA an und müssen die gleichen hohen Standards erfüllen, wie wir selbst. Seit 2007 arbeiten wir enger mit unseren Lieferanten zusammen und sind besser mit ihrer Lieferkette vertraut. Inzwischen kennen wir im Bereich Zuschneiden und Nähen alle Subunternehmer und prüfen die gesamte Zulieferkette. Seit 2011 überprüfen wir auch die Rohstofflieferanten. Die Zahl unserer Zuschneide- und Nähbetriebe haben wir von 109 auf 55 reduziert. Einschließlich den Subunternehmen und Schuhherstellern (die unser Lizenznehmer Wolverine Worldwide überwacht) haben wir rund 70 Zulieferer.

Sozialverantwortung ist ein Teil unserer Einkaufsstrategie: Potenzielle neue Geschäftspartner unterziehen wir einer vierfachen Kontrolle, bei der soziale und ökologische Aspekte genauso berücksichtigt werden wie Qualität, finanzielle Stabilität, Kapazität und Preise.

2010 haben wir die Position des Social Responsibility Managers auf das Niveau eines Director of Social/Environmental Responsibility angehoben. Unser Social/Environmental Responsibility (SER) Team kann gegen jede Zusammenarbeit mit einer neuen Firma sein Veto einlegen - ebenso wie bisher schon das Team für die Qualitätskontrolle. Auch unser Sourcing-Team ist in ökologischer und sozialer Verantwortung geschult, um Probleme für Arbeiter und Umwelt bereits im Vorfeld zu minimieren. Und schließlich achten auch unsere Qualitätsmanager bei ihren Betriebsbesuchen auf SER-relevante Probleme.


Ein Blick in die Zukunft

Zusammen mit anderen in der Branche arbeiten wir daran, das Prinzip der Existenzlöhne für Textilarbeiter umzusetzen. Außerdem führen wir ein verschärftes Umwelt-Audit für die Hersteller unserer Produkte ein, überarbeiten 2012 unsere Code of Conduct und Benchmark Unterlagen und planen, einen Teil unserer Lieferkette nach den Verfahren der Fair Labor Association Sustainable Compliance Initiative zu bewerten.

Für die Hersteller unserer Ausgangsmaterialien ist seit August 2011 eine bluesign® Überprüfung vorgeschrieben. In den nächsten drei Jahren müssen sich alle unsere Materiallieferanten dieser Prozedur unterziehen. bluesign® ist eine unabhängige Organisation, die den Firmen dabei hilft, schädliche Chemikalien zu vermeiden und ihre Ressourcen optimal zu nutzen. Außerdem werden wir die Herkunft unserer Rohmaterialien Baumwolle, Wolle und Gänsedaune genauer analysieren und arbeiten weiter an Gemeinschaftsprojekten im Rahmen der (US) Outdoor Industry Association, des Öko- und Sozialindex der Sustainability Apparel Coalition (SAC) sowie der Sustainability Working Group der European Outdoor Group.

Um die sozialen und ökologischen Auswirkungen unserer Lieferkette besser zu verstehen, haben wir eine vollständig überarbeitete und noch transparentere Footprint Chronicles Website gestartet, auf der wir den sozialen und ökologischen Fußabdruck unserer Produkte dokumentieren. Die Footprint Chronicles sind unsere Version eines Corporate Responsibility Report.