Verantwortungsvolle Wirtschaft

Yvon Chouinard
Herbst 2013

Nach einem viertel Jahrhundert halsbrecherischer Stunts habe ich genug Nahtoderfahrungen gemacht, um meine Sterblichkeit akzeptieren zu können. Sie beunruhigt mich nicht. Alles Leben und menschliche Streben hat einen Anfang und ein Ende.

Spezies entwickeln sich und sterben aus. Weltmächte regieren und zerfallen. Unternehmen wachsen und kollabieren. Es gibt keine Ausnahmen. Mit all dem kann ich leben. Was mich jedoch belastet, ist das sechste Massensterben unzähliger Arten und wertvoller indigener Kulturen, welches wir Menschen direkt zu verantworten haben. Die Misere der Menschheit macht mich traurig; wir scheinen unfähig, unsere Probleme in den Griff zu bekommen.
Letztes Jahr bin ich zum ersten Mal Großvater geworden und der Gedanke an die Zukunft meiner Enkelin erfüllt mich mit Sorge. Als ich geboren wurde, lag die Weltbevölkerung bei 2,5 Milliarden Menschen. Wenn sie 38 ist, werden es schon 9 Milliarden sein. Hätte jeder Mensch das Konsumverhalten eines durchschnittlichen Amerikaners, würden die Ressourcen von vier Planeten verbraucht. Nicht sehr „nachhaltig“.

Die Ursache dieser Krise ist leicht erklärt. Zu viele von uns konsumieren viel zu viel und erwarten, dass alles möglichst billig und überall erhältlich ist. (Haben Sie in letzter Zeit mal einen Versandhauskatalog durchgeblättert? Da fragt man sich; braucht die Welt wirklich einen speziellen Bananenschneider?) Nicht verwunderlich, dass wir das Problem nicht sehen wollen, wenn wir selbst das Problem sind! Wir sind nicht länger „Bürger“, sondern werden von Wirtschaft, Regierung und Wall Street nur noch als „Konsumenten“ gesehen, die „zerstören, stark beschädigen, zunichte machen und ruinieren“, um es mit den Synomymen aus dem Duden zu beschreiben. Die traurige Wahrheit ist, dass die Weltwirtschaft von unserem Konsumverhalten abhängt. Es beeinflusst den Anstieg und Fall der Börsenpreise.

Und indem wir immer härter arbeiten, um mehr von dem zu bekommen, was wir gar nicht brauchen, zerstören wir unsere natürliche Umwelt. Peter Senge, Autor und Dozent am MIT, sagt: „Wir rennen mit geschlossenen Augen ins Verderben – immer schneller und schneller, um dorthin zu gelangen, wo kein Mensch hin will.“
Können wir uns überhaupt eine Wirtschaft ausmalen, die ihren Heimatplaneten nicht zerstört? Eine verantwortungsvolle Wirtschaft?

In den kommenden zwei Jahren will sich Patagonia mit dieser Frage auseinandersetzen. Wir werden einige kluge Köpfe um ihre Essays zu dieser Thematik bitten und sie in Katalogen und auf unserer Internetseite veröffentlichen. Wir bitten unsere Kunden, uns auf verantwortungsvolle Wirtschaftsunternehmen in ihrem Umfeld aufmerksam zu machen. Wir setzen auf konkrete Beispiele statt unrealistischer Theorien. Und wir wollen auch den Einfluss dieser Frage auf unsere Unternehmensführung erörtern. Kann Patagonia in einer verantwortungsvollen Wirtschaft überleben? Demnächst mehr dazu.

Dies ist unser bislang ehrgeizigstes und wichtigstes Projekt. Unsere bisherigen Umweltkampagnen bezogen sich lediglich auf Symptome wie Überfischung, Wasserverschmutzung und die Verbauung der Migrationspfade von Wildtieren. Das eigentliche Problem wollen wir jetzt im Rahmen des Projekts „verantwortungsvolle Wirtschaft“ angehen.

Patagonia arbeitet seit über 20 Jahren an verantwortungsvolleren Geschäftspraktiken. 1991 verzeichnete das Unternehmen eine jährliche Wachstumsrate von 50%. Doch dann kam die Wirtschaftskrise. Innerhalb weniger Monate senkte die Bank den Kreditrahmen des Unternehmens gleich zwei Mal. Löhne konnten nur noch dank Leihgaben von Freunden ausbezahlt werden und am 31. Juli 1991 mussten schließlich 20% der Belegschaft entlassen werden. An diesen Tag erinnere ich mich immer noch als „Schwarzen Mittwoch“.

Wir mussten auf die harte Tour lernen, im Rahmen unserer Mittel zu wirtschaften. Und diesen hatten wir lange überschritten. Wir hatten uns, wie die Weltwirtschaft, von einem Wachstum abhängig gemacht, das wir nicht aufrechterhalten konnten. Eine Zeit lang dachte ich sogar an den Verkauf des Unternehmens. Aber wäre ich nicht im Geschäft geblieben, hätte ich wohl nie den Zusammenhang zwischen dem unhaltbaren Wachstumsstreben von Patagonia und dem der gesamten Industriewirtschaft erkannt.

Nach 1991 haben wir einen dritten Punkt in unser Leitbild aufgenommen und so lautet es jetzt: „Stelle das beste Produkt her, belaste die Umwelt dabei so wenig wie möglich, inspiriere andere Firmen, diesem Beispiel zu folgen und Lösungen zur aktuellen Umweltkrise zu finden“.

Die Dinge verantwortungsvoller anzugehen, ist ein guter Anfang, dem sich inzwischen etliche Firmen verschrieben haben. Letztendlich kann eine „nachhaltige Wirtschaft“ jedoch erst dann Realität werden, wenn wir weniger konsumieren. Wirtschaftswissenschaftler prognostizieren, dass dies den Zusammenbruch der gesamten Wirtschaft zur Folge hätte.

Wir bei Patagonia fühlen uns unserem Leitbild verpflichtet und müssen uns der Wachstums-Frage stellen, indem wir sie sowohl generell thematisieren, als auch in Bezug auf unsere eigene Situation in der Weltwirtschaft analysieren. Ich selbst habe keine Antworten – nur ein paar Stichworte im Hinterkopf, nach denen ich mein Leben und das Unternehmen Patagonia ausgerichtet habe: Qualität, Innovation, Verantwortung, Einfachheit.

Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen, in dem von 40 Unternehmen berichtet wurde, die bereits seit über 200 Jahren im Geschäft sind. Ich dachte mir, sie müssten nach bestimmten Leitlinien arbeiten, die auch einer verantwortungsvollen Wirtschaft helfen könnten, so lange erfolgreich zu bleiben. Was sie alle verband, waren Qualität, Innovation und maßvolles Wachstum. Ursprünglich waren wir Hersteller für besonders hochwertige, lebensrettende Kletterausrüstung und haben dann unsere Unternehmensphilosophie einfach auf den Bekleidungs-Sektor übertragen. Wir sehen uns als Innovatoren, die Technologie nicht primär für Neuentwicklungen einsetzen, sondern vielmehr um alte, umweltschädliche und ineffiziente Produkte und Methoden durch sauberere, einfachere und zweckmäßigere Technologien zu ersetzen. So ist heute jedes von uns produzierte Kleidungsstück recycelbar – noch vor 10 Jahren völlig unvorstellbar. Zusammen mit einer wachsenden Anzahl von derzeit 40 anderen Bekleidungsherstellern arbeiten wir am sogenannten Higg Index, der den Umwelteinfluss bei der Herstellung eines Kleidungsstücks angibt. So sollen Herkunft und ökologischer Fußabdruck einer Jeans schon bald anhand des Barcodes auf dem Etikett per Smartphone abzulesen sein. Durch bewusst gewähltes, verantwortungsvolleres Kaufverhalten können wir vielleicht wieder zu „Bürgern“ werden und Teil der stärksten Macht unserer Gesellschaft – einer Demokratie.

Ich war schon immer der Ansicht, dass perfektes Design dann vorliegt, wenn es nichts mehr hinzuzufügen, sondern wenn es nichts mehr wegzulassen gibt. Ein Maler ist dann ein Künstler, wenn er es schafft, mit einfacheren Linien und Formen dieselben Gefühle hervorzurufen. Einfachheit ist das Mittel zur Perfektion. Es erfreut mein Bergsteigerherz, wie die neue Generation freikletternd Passagen des El Capitan im Yosemite meistert, für die wir früher mehrere Tage, Sicherungsseile und etliche Kletterhaken gebraucht haben.

Ich genieße es, mich körperlich zu betätigen und Ausrüstung einzusetzen, die mich dabei unterstützt, mir die Arbeit jedoch nicht abnimmt. (Ich denke da jetzt wieder an den Bananenschneider als Ersatz für etwas so bewährtes und vielseitiges wie ein Messer.)

Das einfache Leben beginnt für mich damit, weniger Dinge zu besitzen.

Was kann nun aber Patagonia – als Hersteller solcher Dinge – zu einer neuen, verantwortungsvolleren Wirtschaft beitragen? Nachdem das Unternehmen in den 90er Jahren zu schnell gewachsen war, versuchten wir jegliches Wachstum komplett zu unterbinden. Resultat waren Stagnation und frustrierte Kunden, denen wir immer häufiger nicht bieten konnten, was sie suchten. Nullwachstum ist also nicht der Weg. (Sondern in etwa so sinnvoll wie ein Fortpflanzungsverbot zur Stabilisierung der Bevölkerungszahlen: Menschen sterben, Babies werden geboren – wichtig ist eine gewisse Balance zwischen beiden.) Wir streben eine Wirtschaft an, die nicht auf unersättliche Kaufwut baut, sondern schädliche Praktiken entweder durch neue, effizientere oder altbewährte Methoden ersetzt. Wir wollen weg von der Wegwerfgesellschaft. Natürlich wissen wir nicht, inwiefern diese schöne Vorstellung umsetzbar sein wird. Aber wir wissen eines; jetzt ist die Zeit gekommen – nicht nur nachzudenken, sondern auch zu handeln.

Ich hoffe, Patagonia kann Wachstumsentscheidungen treffen, die uns helfen, die nächsten 200 Jahre fortzubestehen – ohne unseren Planeten weiter zu beeinträchtigen. Ich werde alles dafür tun, dass meine Enkeltochter so aufwachsen kann, wie ihre Eltern und ich aufgewachsen sind; in einer natürlichen Umwelt, die so wunderschön ist, dass man gar nicht anders kann, als sie erhalten und schützen zu wollen.