Yvon Chouinard. MICHEL CARON

Die Konventionen brechen und damit erfolgreich sein

Yvon Chouinard im Interview mit Sophie McKibben
Kids 2013

Im Alter von 18 Jahren gründete Yvon Chouinard eine kleine Schmiede, aus der - fast per Zufall - die Firma Patagonia entstanden ist, eine innovative und umweltbewusste Outdoorfirma. Schon als Kind liebte Yvon die Natur und während seiner Falkner-Ausbildung mit 14 Jahren begann er eine erfolgreiche Kletter-Karriere, die ihn rund um die Welt führte und sein ganzes Leben prägte. Der Kletterer, Surfer und Entdecker von Weltrang wird oft als ein revolutionärer Geschäftsmann bezeichnet (sieht sich selbst aber eher als Geschäftsmann wider Willen). Zum 40. Jubiläum von Patagonia habe ich mit Yvon über sein Leben, seine Arbeit und seine Zukunftsvision geredet.

Wo sind Sie aufgewachsen?
Als ich 7 Jahre alt war, zogen wir von Maine nach Kalifornien. Es war wie in Steinbecks „Früchte des Zorns“: Wir hatten alles verkauft und reisten zu sechst in einem Auto. In Maine hatte ich das Angeln gelernt. Mein Bruder hatte mich eines Tages mitgenommen. Als er einen Fisch fing, hängte er ihn heimlich an meinen Haken und tat so, als hätte ich ihn gefangen. Es war ein 30 cm langer Hecht. Daran erinnere ich mich sehr deutlich, denn es hat mich stark geprägt.

Welche Bedeutung hatte die Natur für Sie als Kind?
Die Natur hat mir das Leben gerettet. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Wenn ich nicht in der Natur aufgewachsen wäre, wäre ich wohl im Jugendgefängnis oder so ähnlich gelandet.
Als Kind bin ich immer eigene Wege gegangen. Während die anderen Fußball oder Baseball spielten, war ich unten am Los Angeles River, um Frösche und Krebse fürs Essen zu fangen. Das hat auch meine Karriere als Unternehmer geprägt. Auch hier gehe ich gern andere Wege.

Glauben Sie, dass Kinder heute die Natur anders erleben als Sie?
Die heutigen Kinder leiden unter einem Naturdefizit. Unsere Kinder sind zu sehr behütet – was ja manchmal richtig ist, sie aber der Natur entfremdet. Ich denke, die Amerikaner sind deshalb so schwer für den Schutz unserer Erde zu motivieren, weil sie die Natur kaum kennen – und man schützt eben nur das, was man kennt und liebt.

Patagonia-Bekleidung und -Ausrüstung ist sehr haltbar und muss nicht oft ersetzt werden. Sie wird verantwortungsvoll produziert, was teurer sein kann. Wie behaupten Sie sich am Markt?
Ich glaube, erst wenige Firmen begreifen, dass der Kunde zukünftig mit seiner Kaufentscheidung bestimmt. Hat er die Wahl zwischen zwei Produkten, so wird er dasjenige wählen, das verantwortungsvoller hergestellt wurde. Das haben wir schon erlebt: Die letzte Konjunkturflaute hat Patagonia einen unglaublichen Boom beschert. Warum? Weil in der Krise multifunktionale Produkte gefragt sind, die lange halten. Die Leute kaufen hochwertige Produkte, obwohl sie weniger Geld haben. Deshalb ist es mein Geschäftsmodell, genau solche Produkte zu fertigen.

Was glauben Sie, kann der Einzelne für eine bessere Umwelt tun?
Unsere nächste Umweltkampagne versucht, diese Frage zu beantworten. Wie muss eine Wirtschaft aussehen, die unseren Planeten bewahrt? Wir wollen nicht Symptome bekämpfen, sondern die Probleme an der Wurzel anpacken. Vielleicht habe ich sogar eine Lösung. Sie kreist um drei Begriffe: Qualität, Innovation und Einfachheit. Wenn der Kunde sich fragt, ob er ein Produkt wirklich braucht, dann kauft er haltbare Artikel, die recycelbar sind. Das ist Qualität. Innovation bedeutet: eine alte Technologie, die umweltschädlich oder ineffizient ist, durch eine bessere zu ersetzen. Und schließlich Einfachheit. Patagonia war schon immer der Ansicht, dass ein Produkt nicht dann perfekt ist, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann. Als Grundhaltung sollten wir nach Einfachheit streben anstatt nach immer mehr Komplexität. Einige der Routen am El Capitan im Yosemite, die ich früher in 10 Tagen geklettert bin, begehen die Jungen heute Solo vor dem Mittagessen – und in Turnhosen. Ich denke, so ist das gut. Diese Richtung müssen wir einschlagen. Ich komme immer wieder auf diese drei Begriffe zurück. Das ist vielleicht nicht die ganze Antwort, aber ein Teil der Lösung.

Welchen Rat geben Sie den Jungen von heute?
Brecht die Konventionen. Ich wollte ja nie Unternehmer werden. Gewöhnlich halte ich nicht viel von Unternehmern und habe privat wenig mit ihnen zu tun. Aber als ich endlich einsah, dass ich selbst einer bin, merkte ich, dass es mir Spaß macht, die Konventionen zu brechen und damit erfolgreich zu sein

Über den Verfasser

Yvon Chouinard ist Gründer der Firma Patagonia und Autor der Bücher Lass die Mitarbeiter surfen gehen!, Climbing Ice und The Responsible Company (zusammen mit Vincent Stanley). Das Interview ist ein Gastbeitrag von Sophie McKibben, die er einen „Teil der Lösung“ unserer Umweltkrise genannt hat. Weitere Informationen über Sophie McKibben.