Das Beispiel der Eisenpfanne

Bob Massie
Holiday 2013

Vor langer Zeit, als ich noch ein Twen war, lebte ich in einer kleinen Wohnung in New Haven, Connecticut. Ich besaß einen Stuhl, ein Bett, eine Lampe und ein paar Bücher, aber sonst nicht viel. Vor allem fehlte mir Küchenzubehör, also begann ich, danach zu suchen.

An einem sonnigen Samstagmorgen im Herbst durchstöberte ich die Haushaltsauflösung in einem vornehmen, alten Neuengland-Haus mit weißen Schindeln. In der Diele fand ich eine eiserne 30-cm-Bratpfanne. Sie kostete 2 Dollar. Ich kaufte sie und brachte sie nach Hause. Diese Pfanne der Griswold Manufacturing Company war damals schon fast 90 Jahre alt und ich habe sie weitere 35 Jahre lang benutzt. Heute ist sie etwa halb so alt wie die USA.

Und wenn man mich fragt, wie eine Wirtschaft aussehen soll, die 7 Milliarden Menschen auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen ein Auskommen gewährt, dann denke ich oft an diese Pfanne. Der Mensch strebt stets nach Neuem – neue Ideen, neue Technologien, neue Stilrichtungen. Von Kindesbeinen an wollen wir Neues schaffen, wachsen und uns frei bewegen. Das Streben nach Freiheit und Entfaltung wurde zum Eckpfeiler unserer Ökonomie – von der Wirtschaftstheorie bis zur Werbung. Doch heute müssen wir einsehen, dass exponentielles Wachstum zwar verlockend aber eine Illusion ist, ein Drang, dem die Natur Grenzen setzt.

Die aufkeimende „New Economy“ strebt danach, die enorme Kraft der Zukunftsplanung neu zu orientieren, um eine Zukunft zu schaffen, die Wohlstand, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit kombiniert. Dazu müssen wir Innovation und Konservation verbinden.

Die New Economy weckt große Hoffnungen, da sie die besten Ideen und Werte von gestern und heute vereint. Zu ihren Grundprinzipien zählt die Kooperation. In meinem Häuserblock hat nicht jeder eine Schneefräse. Tony, einer unserer Stadträte, macht mit seiner Maschine den ganzen Gehweg frei. Ed, mein direkter Nachbar, nimmt auch unseren Hund mit, wenn er seinen spazieren führt. George von gegenüber hält unser Haus mit im Auge.

In der New Economy pflegen auch Fremde zunehmend ein nachbarschaftliches Verhalten. Millionen von Menschen stellen ihr Eigentum, ihr Auto oder ihr Haus anderen zur Verfügung - kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr. Aber es geht nicht nur um Dinge, sondern auch um Wissen, Ideen und Erfahrungen. Die Zusammenarbeit umfasst neue Formen demokratischer Unternehmen und Vereinigungen. Tatsächlich reaktiviert die New Economy etwas, das unsere Vorfahren besser konnten als wir. Der Kernsatz aller Volkswirtschaft-Lehrbücher – der Mensch sei ein kalter Rationalist und Egoist – ist schlichtweg falsch. In Wirklichkeit wollen wir alle gern teilen.

Was bedeutet das für das Eigentum? Beschneidet es unsere Freiheitsliebe? Wenn es in den USA 114 Millionen Haushalte gibt, brauchen wir dann wirklich alles 114 Millionen-fach? Bei uns wollte der Installateur den größten Wasserboiler einbauen, den es gibt, nur für den Fall, dass einmal alle gleichzeitig duschen wollen. Man redet uns ein, wir brauchen alles – oder 10 Stück von allem – damit alle alles gleichzeitig machen können. Doch diese Spitzenlast-Phobie führt nur zu verheerender Übertreibung und Verschwendung. Der Drang, alle Wünsche sofort zu befriedigen, ist typisch für Kinder und Jugendliche. Als Erwachsene sollten wir ruhiger und geduldiger sein.

Aber auch ich habe Hunderte von Dingen, die ich kaum benutze. Die Eisenpfanne etwa hängt derzeit ungenutzt neben dem Ofen. Falls Ed sie heute Abend ausleihen wollte, würde ich sie ihm gern geben. Also bräuchten wir – zumindest was Pfannen angeht – nur 57 Millionen Stück, um alle US-Haushalte zu versorgen. Wenn drei Familien eine teilen würden, bräuchten wir nur etwa 40 Millionen davon. Und wenn jede Eisenpfanne mehr als hundert Jahre lang ihren Dienst tut, müssen wir pro Jahr nur wenige hunderttausend davon herstellen.

Durch diese Art des Denkens stellt die New Economy die Eigentumsfrage auf den Kopf. Sie will, dass wir prüfen, was wir haben und was wir wirklich brauchen. Sie fordert uns dazu auf, die Grenzen von Eigentum, Gemeingut und Kooperation neu zu definieren. Sie erinnert daran, dass wir nicht alles besitzen müssen, um es zu nutzen. Dazu wurden öffentliche Parks, Bibliotheken und Schulen geschaffen. Schließlich sind wir nicht ein Volk von Einsiedlern, sondern Familien, Gruppen, Gemeinschaften und Unternehmen, um Dinge gemeinsam zu tun. Das ist intelligent, vernünftig und effizient.

Die Neue Wirtschaft ruft dazu auf, unsere Begeisterung für Neues mit einer nachhaltigen Entwicklung in Einklang zu bringen. Mein Haus ist 100 Jahre alt und wir sind die dritte Familie, die darin lebt. Meine Frau und ich pflegen es, damit es nach uns einer vierten Familie dienen kann. Entsprechend will ich die Wälder und Gewässer in Maine schützen, die wir lieben – genauso wie viele Millionen von Amerikanern ihre Lieblingsorte in allen Teilen des Landes schützen.

So gesehen ist die Frage, wie wir nachhaltig auf diesem Planeten leben können, gar nicht so schwer zu beantworten. Wir müssen nur das Bild des hässlichen Konsumenten loswerden und uns nicht länger für warmblütige Heuschrecken halten, deren Aufgabe darin besteht, sich durch den Planeten zu fressen. Wir müssen die Erde und uns selbst entlasten. Wir müssen bewahren, was wir lieben, und Dinge schaffen, die dauern.

Wenn Sie in mein Viertel kommen, können Sie jederzeit gern meine Eisenpfanne ausleihen. Und wenn in ein paar Jahrzehnten ein anderes junges Paar die Pfanne bei meiner Haushaltsauflösung erwirbt, dann hoffe ich, dass die es ebenso machen werden.

Über den Verfasser

Bob Massie ist Präsident der New Economy Coalition. Während seiner Karriere hat er drei maßgebliche Organisationen für Nachhaltigkeit gegründet oder geleitet. Seine Autobiographie „A Song in the Night: A Memoir of Resilience“ ist bei Nan A. Talese/Doubleday erschienen.