Öko-nomie

Es geht hier um ein kleines Bergdorf in einem Staat, den ich nicht nennen will. Bis letztes Jahr hatte der Ort eine Wirtschaft nach dem üblichen Muster: ein paar Monate Tourismus im Winter und im Sommer sowie Besitzer von Ferienwohnungen. Florierende Obstgärten und Heubauern rundeten die Palette ab; wobei besonders die Farmen ein hohes Niveau hatten: geometrische Felder, frisch gestrichene Häuser und Geräte, die gut in Schuss waren. Vor allem aber zeichnet sich das Tal durch schöne Landschaft und ursprüngliche Natur aus. Doch diese wären Mitte der siebziger Jahre fast an den Meistbietenden verkauft worden. Ein Liftbetreiber wollte eine große Waldfläche kaufen und ein zweites Aspen schaffen. Die Gemeinde war uneins, entschied aber schließlich dagegen (vor allem wegen der Wasserversorgung) und beschloss, anstelle der Abfahrten die Langlaufpisten auszubauen.

Das reichte allerdings nicht, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Der Tourismus ist zu launisch mit vielen eher schlecht bezahlten Jobs und Arbeitslosigkeit außerhalb der Saison. Der Ort war weiterhin wirtschaftlichen Schwankungen, Ladenketten, Spekulanten und reichen Grundbesitzern ohne persönliches Engagement ausgeliefert.

Doch unlängst hat sich das plötzlich geändert.

Vor dem örtlichen Outdoor-Shop traf sich an Sommerabenden eine Gruppe in den Dreißigern mit Live-Musik, Pizza und vielen Kindern. Sie sahen nicht wie Touristen aus und nirgends warben Schilder für einen "Pizza-Abend". Offenbar trafen sich die Ortsbewohner jeden Mittwochabend, um zu reden, zu tanzen und sich gegenseitig kennenzulernen. (Tatsächlich gab es diese Treffen schon seit Jahren; doch plötzlich rückten sie ins Licht.)

Der Bauernmarkt am Samstag, der bis dahin nur Kohl, Steckrüben und gehäkelte Mützen angeboten hatte, überschwemmte mit einem Mal den Dorfparkplatz mit frischen Salaten, süßen Walderdbeeren, heimischem Honig und Freiland-Eiern. Ein örtlicher Metzger überraschte mit Knoblauch- und Rotwein-Wurst, diversen Rauchfleischsorten und ungewohnten Fleischstücken. Ein Küchenchef, der sich 35 Jahre über Wasser gehalten hatte, plant nun seine Menüs mit frischem Gemüse vom Markt und den Spezialitäten des Metzgers. Plötzlich gibt es luftig-leichte Decken aus heimischer Schafwolle, eine Kaffeerösterei nahe dem Recycling-Center, handgemachte Seifen und eine Mühle, die Bio-Hartweizen- und Emmermehl anbietet.

Etwas war in Bewegung geraten. Der Aufkleber eines staubigen Lieferwagens brachte es auf den Nenner: „Unterstützt eure örtliche Wirtschaft“.
Lokalpatriotismus. Örtliche Lebensmittel-Erzeuger hatten die Initialzündung gegeben und damit ein Lauffeuer entfacht.

In der alten Ranger Station entstanden Kunststudios und die dortigen Künstler schufen ein Logo für heimische Produkte. Heute hat das Tal drei WLAN-Anbieter, sodass die Einwohner leichter zu Hause arbeiten können.

Die örtliche Naturschutzgruppe, die aus den Gegnern des Skiprojekts hervorgegangen ist, arbeitet gemeinsam mit Bauern und anderen Grundbesitzern daran, Landschaften und Ufer-Biotope am Hauptfluss des Tals (rund 3000 ha) zu bewahren. Sie publizieren ein hervorragendes Nachbarschafts-Handbuch, einen Leitfaden für das Leben mit der Natur, der weder moralisiert noch zu wischiwaschi ist. An manchen Hängen sieht man noch Luxusvillen, doch die bodenständige Bauweise nimmt zu: kleine, niedrige Häuser mit Erdböschungen an der Nordseite und einer interessanten Kombination aus traditionellem Holzbau, Stuck und moderner Isolierung.

Auch die Online-Zeitung verbindet Alt und Neu: ein Apfelkuchen-Fest zum hundertsten Jubiläum der Stadt neben einem Tai-Chi Kurs und einer Gruppe, die sich "Asyl für Autoren" nennt.

Und die Wildnis ist ursprünglich geblieben. Ein Wolfsrudel ist zurückgekehrt und im Winter wurden mehrere Luchse beobachtet. Schneebedeckte Pfade gibt es bis in den Juli. Drei frei fließende Flüsse und einen gesunden Bestand an Steelhead-Forellen. Noch ist die Lage nicht stabil. Eine einzige Ladenkette könnte alles zum Massenmarkt werden lassen mit gelangweilten Touristen zwischen altbekannten Kulissen. Doch für den Moment steht das Tal auf der Schwelle zu einer verantwortungsvollen, lokalen Wirtschaft. Aktuell im Gespräch sind kleine Forstbetriebe und eine Biodiesel-Anlage. In einem Blog diskutiert man darüber, Unternehmer im Ruhestand mit Jungunternehmern in Kontakt zu bringen. Und das alles ist kein Zufall, sondern die Frucht jahrelanger Bemühungen der Bürger, die Natur zu bewahren, zu kooperieren, das Risiko zu teilen und politisch wachsam zu bleiben. Wie einer der Einwohner sagte: „Man muss kreativ und flexibel bleiben.“

Wo dieser Ort liegt, können wir Ihnen nicht sagen – ebenso wenig wie Sie uns Ihren Lieblingsplatz in der Natur verraten werden. Aber wir wissen, dass er nicht der einzige ist. Diese Geschichte wiederholt sich in allen Winkeln der USA. Berichten Sie uns über Ihnen bekannte Entwicklungen, die eine neue Richtung weisen.