Photo: FlickruserInfoMofo (mall)

Warum kaufen?

Andy Ruben
Frühjahr 2014

Kein Baum möchte als Toilettenpapier enden. Das ist sicher kein schönes Ende. Das Papier wird die Toilette runtergespült und vielleicht bis ins Meer. Doch der Pappkern der Rolle hat ein noch traurigeres Los: Er endet auf der Müllkippe, da kaum jemand eine Wertstofftonne in seiner Toilette hat. Und es geht um sehr viele Papprollen – um eine Menge mit dem Gewicht von 250 Boeing 737 Flugzeugen pro Jahr allein in den USA. Daher war ich sofort interessiert, als ich hörte, dass Kimberly-Clark, Inhaber der Firma Scott® Papierprodukte, an einer Papierrolle ohne Pappkern arbeitet. Damals war ich Leiter der Abteilung für Nachhaltigkeit bei Walmart und für einen großen Teil dieser Pappkerne verantwortlich.

Ich nahm ein Flugzeug nach Wisconsin, um die Fabrik zu besuchen und zu sehen, ob das wirklich funktioniert. Die Sache erwies sich als gar nicht einfach. Der Pappkern ist ein wesentliches Element für die Highspeed-Produktion der Papierrollen. Er bietet die nötige Stabilität, um das Papier auf breitere Rollen zu spulen, die dann auf das richtige Maß geschnitten werden. Dieser Pappkern stabilisiert die Rolle auf ihrer schwindelerregenden Reise über die Förderbänder, während der LKW-Transporte und in den Lagerräumen unseres modernen Warenvertriebs, damit sie bei der Ankunft in Ihrem Hause noch in den Klopapierhalter passt.

Als wir vom Konferenzzimmer in die Produktionshalle der Scott Papierfabrik gingen, war ich gespannt. Es schien tatsächlich möglich. Ein einfacher Schritt, um Tausende von Bäumen zu bewahren, ohne dass sich für den Kunden etwas ändert. Am Anfang meiner Karriere habe ich in der Produktion gearbeitet und ich bin stets beeindruckt von den zahllosen, sorgfältig abgestimmten, maschinellen Schritten, die dort mit hoher Geschwindigkeit ablaufen: Material, das sich auf Spulen wickelt wie bei den Filmprojektoren der siebziger Jahre; mechanische Präzisionsarme, die die Rollen auf exakt die richtige Art schneiden und abnehmen; kreuz und quer verlaufende Förderbänder mit Versandkartons und Hochgeschwindigkeitsdrucker, an denen die 12er-Packs Toilettenpapier genau im richtigen Moment ankommen. Es ist ein ausgeklügeltes Ballett und ein wahres Wunderwerk; ein Prozess, der anfangs viel einfacher war und sich im Zuge der Automatisierung und schrittweiser Innovationen zum heutigen Industriemodell entwickelt hat.

Die lärmende, rasend schnelle und faszinierende Anlage der Firma Scott ähnelt in dieser Hinsicht vielen führenden Industrieanlagen. Aber selbst wenn man auf alle Pappkerne verzichtet, die Betriebe energieeffizient gestaltet und ihren Schadstoffausstoß minimiert, so bleiben sie doch Teil eines problematischen Industriesystems. Und auf dem Rückflug nach Bentonville in Arkansas wurde mir klar, dass noch ein langer Weg vor uns liegt.

Ganz gleich wie sehr wir dieses System verbessern, es basiert immer auf jährlich wachsenden Produktionszahlen. Immer mehr Menschen brauchen immer mehr Toilettenpapier – und auf der ganzen Welt wird nach dem gleichen Modell industrieller Effizienz gearbeitet, das man als nachhaltig bezeichnet. Das Toilettenpapier ohne Pappkern von Scott hat den Markt letztlich nicht in dem Maß verändert, wie ich es bei meinem Besuch erhofft hatte. Doch selbst wenn diese Veränderungen sehr erfolgreich sind, muss man den Gesamtkontext im Auge behalten. Es hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, wenn wir Fahrräder, Jacken oder Mixer effizienter produzieren, solange unser konsumorientiertes Wirtschaftsmodell weiter auf Wachstum basiert. Achtzig Prozent der Gegenstände in einem Haushalt werden weniger als einmal pro Monat benutzt. Ein Brotbackautomat, der die meiste Zeit nur im Schrank steht, ist eine Verschwendung – auch wenn er noch so effizient produziert wurde.

Nachdem ich 10 Jahre lang bei Walmart Tausende von Dingen verkauft hatte, die heute nur Staub ansammeln, verließ ich die Firma und gründete Yerdle, eine kalifornische B-Firma mit dem Ziel, das besser zu nutzen, was wir schon besitzen. Millionen von Dingen liegen ungenutzt in unseren Schränken und Garagen, während unsere Nachbarn genau die gleichen Gegenstände neu kaufen. Ziel von Yerdle ist es, dafür zu sorgen, dass diese Dinge weiter genutzt werden, und dadurch Neuanschaffungen langfristig um 25% zu reduzieren. Wer sich bei Yerdle registriert hat, findet dort alles von der Campingausrüstung bis zu Kinderspielzeug. Yerdle vermittelt den Kontakt zum Spender und der Gegenstand beginnt ein neues Leben.

Innerhalb eines Jahres hat Yerdle 20.000 Mitglieder gefunden, die Tausende von Gegenständen teilen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Börsen konzentriert sich Yerdle auf den sozialen Aspekt – das Erlebnis, etwas, das man nicht benutzt, an jemand weiter zu geben, der genau das sucht. Das Erlebnis ist das Geschenk.

Unser Wirtschaftsmodell hat enorme Innovationen hervorgebracht und es rund einer Milliarde Menschen ermöglicht, in die Mittelklasse aufzusteigen. Aber wie durch den Einbau von Innentoiletten ab den 1930er Jahren der Bedarf an modernem Toilettenpapier entstanden ist, so wandelt der Kontext sich immer weiter. Vor 50 Jahren hat man eine Bohrmaschine gemietet oder ausgeliehen, wenn man eine gebraucht hat. Heute liegt in jeder Garage mindestens eine. Wir leben mit einem Überfluss an Dingen, die ungenutzt in unseren immer größeren Häusern herumliegen oder in gemieteten Lagerräumen. Doch wie die Massenproduktion der vergangenen 100 Jahre viele Güter für jeden erschwinglich gemacht hat, so ermöglicht uns die moderne Kommunikationstechnologie, Dinge, die wir schon besitzen, sinnvoller zu nutzen. Das, was wir besitzen, mit anderen zu teilen, ist nicht nur effizienter, sondern kann zudem eine schöne Erfahrung sein.

Von einem Nachbarn namens Lawrence habe ich kürzlich einen Plattenspieler bekommen. Ich hätte mir auch einen Plattenspieler kaufen können. Doch der von Lawrence ist besonders. Ich sehe ihn jedes Mal, wenn ich in meinem Wohnzimmer sitze, und erinnere mich mit Dankbarkeit an unsere Begegnung und an seine Großzügigkeit. Dieser Plattenspieler ist nicht nur ein Plattenspieler, sondern zugleich ein Symbol für das Leben, wie ich es führen möchte. Und ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich ihn weitergeben kann.

Über den Verfasser

Andy Ruben ist Mitbegründer und Geschäftsführer der neuen Sharing-Plattform Yerdle. Davor hat er als leitender Angestellter bei Walmart gearbeitet und dort ab 2004 das Projekt für Nachhaltigkeit gestartet. Weitere Informationen über die Sharing-Plattform finden Sie unter yerdle.com.